Komplotte en gros (Verschwörungstheorie)

Komplotte en gros; Gert Ockert, erschienen in der Zeitschrift Konkret, November 2002

Die Welt ist verschwörerisch eingerichtet. Dennoch haben Ver- schwörungstheorien mit Geschichtsschreibung soviel gemein wie ein Horoskop mit Astronomie.

Seit die Menschheit ein Bewußtsein von sich selbst hat, seit 5.000 Jahren also, gibt es Verschwörungen. Die erste Verschwör- ungstheorie dürfte zirka einen Tag später entstanden sein. Der Zusammenschluß verstreuter Nomaden- und Bauernstämme zu staatlicher Organisation war ein ungeheuerlicher Gewaltakt, das Initialverbrechen der Zivilisation, und abgeschlossen ist die kriminelle Handlung bis heute nicht. Der rote Faden in der Menschheitsgeschichte ähnelt sehr einer Blutspur. Wer nicht erstochen, verbrannt, erdrosselt wurde, als in Vorderasien die ersten Fürstentümer entstanden, der war fortan Untertan einer Macht, die unendlich weit entfernt residierte und zugleich tiefer ins eigene Leben eingriff als jemals ein Häuptling oder Schamane zuvor.

Eine dumpfe Erinnerung an die geschichtslose Zeit, die auch nicht das reine Glück, aber immerhin übersichtlich war, ist in den Schöpfungsmythen der Menschheit aufbewahrt. Die Götter benahmen sich unberechenbar und manchmal etwas kindisch, aber ihr Zorn traf alle ohne Unterschied; sie waren niemandes Eigentum. Mit den ersten Potentaten jedoch wurde auch der himmlische Sauhaufen einer strengen Disziplin unterworfen. Die Elementargeister sprachen nicht länger durch den Wind und den Donner, sondern durch den Hohepriester. Der Fürst brauchte die Götter zu seiner Legitimation, also führte er die gleiche patriarchale Ordnung auf dem Olymp ein, deren Nutznießer auf Erden er sein wollte. Die Zwangsgemeinschaft, die er aufrichtete, erhielt so einen Firnis von Weihe und, wichtiger noch, von höherem Geheimnis.

Daß »die da oben« sich unter Ausschluß der Öffentlichkeit zusammengetan hatten, war denen da unten sehr wohl klar. Finsteres dräute, jederzeit. Man durchschaute die Pläne des Regenten nicht, weil er auch gar nicht daran dachte, sie zu offenbaren. Auf Regen folgt immerhin Sonnenschein, auf Krieg meistens aber nur eine weitere Zwangsabgabe. »Ein jeder sagt: Wir wissen ja nicht, was im Land geschieht«, notierte zwei Jahrtausende v. Chr. ein ägyptischer Schreiber.

Wozu das alles gut sein sollte, fragte man schon damals besser nicht. Die Ohren des Fürsten hörten alles, der Nachbar, der Freund, die eigenen Kinder konnten Spitzel des Staates sein. Die zweifelhafte Konstruktion staatlicher Autorität hält, seit es sie gibt, nur so lange, wie der Inhaber dieser Autorität wachsam bleibt. Ehe der erste mesopotamische Eroberer daranging, sich ein Fürstentum zu erobern, dürfte er schon einen gutfunktionierenden Geheimdienst installiert gehabt haben. Er verfolgte seine Untertanen, weil er sich Tag und Nacht von ihnen verfolgt fühlte, und das nicht mal zu Unrecht: Die Lüge, die ihm den Thron verschafft hatte, war ja nicht besonders schwer zu durchschauen, und es mußte nur einer seiner Generäle genug Männer um sich sammeln, und es war vorbei mit der Dynastie.

Wo Herrschaft ist, da wirkt auch Paranoia – die institutionalisierte der Mächtigen und die eher diffuse der Massen. Das tiefe Mißtrauen der Potentaten geht in die Gesetzestexte ebenso ein wie in die kultischen Rituale: dort als Verpflichtung zum Untertanengehorsam, hier als Tabernakel, zu dem nur ein kleiner, erlesener Kreis Zutritt hat. Der Beherrschte wiederum, gehalten in Ungewißheit und Furcht, verfällt in wüstes Spekulieren und traut der intriganten Palastclique bald mehr Verschlagenheit zu, als sie zum Regieren wirklich nötig hat. Verschwörungstheorien entstehen, weil die Abhängigen allesamt wie Verschwörer behandelt werden. Und tatsächlich finden sie aus dem Zwang, dem sie unterliegen, nur einen Ausweg: die Konspiration gegen den Regenten – mit dem Ziel, an seine Stelle zu treten und die eingeführten Instrumente der Macht fortan selbst zu nutzen.

Wo Herrschaft ist, muß Drohung und Furcht sein. Daran hat sich in 5.000 Jahren nichts geändert. Gewandelt haben sich allerdings die Instrumente. Und mit ihnen die paranoiden Hirngespinste, die Komplottmärchen der Unterdrückten. Ihre Bereitschaft, gegen den konspirativen Terror, der sie unmündig hält, eigenen Verschwörerschrecken zu setzen, wächst, je universaler die Macht auftrumpft, die sie in Zwang hält. Sie sind befangen und gefangen in dem Wahnsinn, den der autoritäre Staat mobilisiert, um seine Einwohner gefügig zu halten. So wird jeder Ausbruch aus dem Wahnsystem selbst zu einem wahnhaften Unterfangen, und die Befreiung, die vielleicht intendiert war, ist bloß eine zu noch grauenhafterer Barbarei.

»Auf die paranoide Phantasie«, stellt Theodor W. Adorno in Minima Moralia fest, »spricht etwas in der Realität an, die von jener verbogen wird. Der latente Sadismus aller errät untrüglich die latente Schwäche aller. Und die Verfolgungsphantasie steckt an: wann immer sie begegnet, sind Zuschauer unwiderstehlich dazu getrieben, sie nachzuahmen.« Der Philosoph hat hier an die Nationalsozialisten gedacht, die fanatischsten Verschwörer und Verschwörungstheoretiker der Weltgeschichte. Doch er formuliert, ohne Namen zu nennen: Der Irrsinn ist der autoritären Gesellschaft imprägniert, und er wird weiterhin paranoide Phantasten produzieren, sowohl in den Schaltzentren der Macht wie unter der Heerschar der Ohnmächtigen. »So wird Narrheit epidemisch: die irren Sekten wachsen nach dem gleichen Rhythmus wie die großen Organisationen. Es ist der der totalen Zerstörung.«

George W Bush würde Atombomben werfen, könnte er damit verhindern, daß Saddam Hussein Atomwaffen einsetzt, die in der Tat schon längst zum Einsatz gekommen wären, hätte Hussein denn welche, fühlt er sich doch mit gutem Grund von den Bomben Mr. Bushs bedroht. Alle wittern überall Wahnsinnige, und jeder hat damit recht. Jeder verdächtigt jeden der Verschwörung, und keiner liegt dabei falsch. Aber im Bann der Narrheit schießen die Komplotte und die Vermutungen über sie heillos zusammen, bis zuletzt keiner ohne Schuld scheint bzw. Schuld stets bloß die anderen haben. Auf solchem Boden wachsen Weltkriege.

Unablässig verwechselt werden die reale Verschwörung, die Verschwörungstheorie und die Theorie der Verschwörungstheorie. Die große Verwirrung, die hier haust, haben die Konspirationstheoretiker selbst verursacht. In ihren Geschichten geht einfach alles durcheinander – das erwiesene historische Komplott, die Spekulation über unsichtbare Drahtzieher, für welche die sichtbaren nur Marionetten sind, sowie die Psychologie, Ökonomie und womöglich Metaphysik hinter allem. Sie haben eine Pseudowissenschaft erfunden, die mit Historiographie soviel zu tun hat wie ein Horoskop mit Astronomie. Tatsächlich erwärmt ein gläubiger Verschwörungstheoretiker sich gern auch fürs Wünschelrutengehen oder Tarotlegen.

Aber kein Irrglaube kommt ohne empirische Basis aus. Die Sterne, die angeblich das Schicksal bestimmen, stehen immerhin am Himmel. Unterirdische Wasseradern erzeugen zwar keine messbare Strahlung, doch wenn man nur lange genug gräbt, wird man sogar in der Wüste eine finden. Und ohne Komplotte hätte keine einzige Regierung seit den Stadtfürsten von Uruk sich an die Macht schwindeln und sie auch halten können.

Die Lüge, es könne keine soziale Organisation geben ohne einen, der Macht ausübt über alle anderen, war von Beginn an nur zu halten, indem man sie zum Staatsgeheimnis erklärte. Also mussten und müssen die Profiteure der Macht zusammenhalten, um ihre Geschäfte in Ruhe betreiben zu können. Dieser ebenso geniale wie brutale Betrug, auf dem alle Zivilisation aufgebaut ist, die Überwindung der Naturabhängigkeit des einzelnen durch die Abhängigkeit des Kollektivs vom Regenten, beeinflußt alles, was seither an Instrumenten zur Herrschaftssicherung erfunden worden ist. Staatliche Gewalt kommt ohne ein geheimes Zentrum – den Kronrat, das Kabinett, das ZK – nicht aus. Daß die Usurpatoren sich hinter verschlossenen Türen über die Ohnmacht und Dummheit ihrer Untertanen amüsieren, ahnen diese wohl, aber sie wissen erst recht, daß sie wirklich ohnmächtig sind und dumm. Damit sich daran nichts ändert, muß der Staat pausenlos gegen seine Insassen konspirieren – mittels Denunziantentum, religiöser und ideologischer Manipulationen, Kopfsteuern oder Unterschlagung von Aktenstücken. Diese Verschwörung ist dem autoritären Gemeinwesen derart immanent, daß sie keinen verschont, auch nicht die wenigen, die Autorität innehaben. Ein Herrscher, der an die Unabdingbarkeit von Herrschaft nicht geglaubt, der auch nur einen halben Gedanken daran verschwendet hätte, Zwang und Bevormundung aufzuheben, ist in den letzten fünf Jahrtausenden nirgends gesichtet worden.

Der Staat als anonymer Apparat, als eine Maschine, der es ziemlich gleichgültig ist, wer sich ihrer bedient, und allein dies wichtig: nicht ausgeschaltet zu werden -, dieser Staat selbst ist die Konspiration. Die infinit und irrsinnig ausufernden Verschwörungsphantasien, die mit den Tempelrittern anfangen und frühestens vor Ufo-Aliens haltmachen, beginnen hier, bei der namenlosen Gewalt des Staates. Der Kornplottphantast erträgt die Erkenntnis nicht, es könnten die unfreien Gesellschaften – und andere gab es noch nie – am Ende nur um ihrer selbst willen da und die vermeintlich Mächtigen auch bloß austauschbare Angestellte sein. Die Weltverschwörungsmystiker müssen einen allmächtigen Meister identifizieren können, der den Apparat beherrscht: die Illuminaten, den Antichristen, oder, letzter Fluchtpunkt allen paranoiden Wahns, die Juden; immer und immer wieder die Juden.

Diese wütende Suche nach dem Strippenzieher und Mastermind motiviert auch jede andere Verschwörungstheorie. Allerdings interessieren deren Autoren sich nicht für das ganz große Ganze. Sie werden mißtrauisch, sobald einem Potentaten etwas zustößt, was seinesgleichen nicht so oft zu ertragen haben wie ihre Untertanen, eine Erschießung oder ein Autounfall. Die Ermittlungsarbeiten schleppen sich über Monate und Jahre dahin, Beweisstücke verschwinden oder werden mit dem Stempel »Top secret« versehen, die Widersprüche in Zeugenaussagen und polizeilichen Statements häufen sich, und zuletzt kommt halb Stockholm für die Ermordung von Olof Palme in Frage, doch sicherlich nicht irgendein hergelaufener Straßenräuber.

Solche Verschwörungstheorien operieren mit realen Interessengruppen und Indizien, erfinden also keine hohen Mächte, sondern schieben existente Faktoren in einer komplizierten Rechnung solange hin und her, bis hinter dem Gleichheitszeichen das gewünschte Resultat erscheint. Allerdings ist die Formel dieser Kalkulation reine Erfindung. Die Skepsis gegen jede offizielle Erklärung eines Attentats wird genährt von den nicht eben wenigen Komplotten, die ans Licht gekommen sind über die Jahrtausende.

Um nur von den Verschwörungen zu sprechen, die Attentate zum Ziel hatten: Es fand eine statt, die Julius Caesar beseitigte. Nachfolgende Imperatoren durften jederzeit mit einer tödlichen Konspiration ihrer prätorianischen Leibgardisten rechnen. Unter italienischen Renaissancefürsten gehörten heimliche Allianzen mit anschließendem Giftpunsch an der Festtafel einfach zum guten Ton. Gegen Wallenstein konspirierten die eigenen Offiziere, um ihn wegzuräumen. Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses schmiedeten ein Komplott, um Robespierre unters Fallbeil zu bringen, ehe er selbst auf die Idee verfallen konnte, ihren Hälsen eine nachdrückliche Behandlung zukommen zu lassen.

Mit dem bürgerlichen Zeitalter wird die Verschwörung zum politischen Mord den Geheimkabinetten und Offiziersstäben zeitweilig entwunden und zu einer Angelegenheit für mehr oder minder revolutionäre Kaderzellen. Napoleon entkommt mehreren royalistischen Anschlägen. Der Schriftsteller Kotzebue wird Opfer eines deutschvölkischen Studentenkomplotts. Die russischen Dekabristen versagen jämmerlich, als sie 1825 Zar Nikolaus I. aus dem Winterpalais vertreiben wollen. Mehr Erfolg haben die Narodniki, die 1881 Zar Alexander II. umbringen. Die tödlichen Schüsse auf Abraham Lincoln am 14. April 1865: eine Verschwörung unter konföderationstreuen Schauspielern. Die Ermordung des Kronprinzen Franz Ferdinand und seiner Frau in Sarajevo 1914 führt ein Häuflein serbischer Studenten aus. Die Bluttaten an Liebknecht, Luxemburg und Rathenau in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gehen auf das Konto protofaschistischer Terrorbanden.

Die Aktentaschenbombe deutscher Offiziere gegen Hitler bringt 1944 die Verschwörung zum Attentat zurück in die Instrumentenkammer der Machtverwalter. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der politische Mord wieder eine Aufgabe für staatliche Behörden. Die Geheimdienste, einst eingerichtet, um den Herrscher über eventuelle Konspirationen auf dem laufenden zu halten, entwickeln sich zu wahren Komplottfabriken. Die CIA wird 1947 zu keinem anderen Zweck gegründet als der konspirativen Liquidierung aller Politiker, die der militant antikommunistischen Strategie der USA im Weg stehen. Der persische Ministerpräsiden Mossadegh stürzte über einen Putsch, den die »Firma« 1953 angezettelt hatte. Arben Guzmán widerfuhr 1954 in Guatemala das gleiche. Gegen Patrice Lumumba wird man 1960 massiver. Als ein bakteriologisches Attentat scheitert, erlaubt die CIA es gerne dass Mobuto, ein weiterer Putschist von Gnaden der CIA, Lumumba erschlagen läßt. Zur echten Manie wird der konspirative Mord bei der Central Intelligence Agency, als Fidel Castro die Staatsgeschäfte in Kuba übernimmt. Man versucht es mit vergifteten Zigarren und Tauchanzügen, gedungenen Killern und Kopfgeldern. Doch nicht einmal mit Hilfe der in solchen Angelegenheiten sehr beschlagenen Mafia gelingt es, den bärtigen Weltfeind zu exekutieren. Diese peinlichen Niederlagen haben die CIA nicht ruhiger werden lassen. Bei der Erschießung Ché Guevaras 1967 und Salvador Allendes 1973 beobachtet die »Firma« wohlwollend, was die Mörder, die sie ausbildete, gelernt haben.

Die Welt, in der wir uns aufhalten, ist verschwörerisch eingerichtet, kein Zweifel. Die Herrschenden konspirieren wider ihre Abhängigen und gegeneinander, die Untertanen verschwören sich gelegentlich, um einen der Herrschenden loszuwerden oder wenigstens der Geheimnistuerei ihrer Zwingherren ein eigenes Geheimnis entgegenzusetzen, und keiner traut dem anderen über den Weg. Adorno bemerkt: »Gewalt, auf der Zivilisation basiert, meint Verfolgung aller durch alle, und der Verfolgungswahnsinnige bringt sich in Nachteil bloß, indem er dem Nächsten zuschiebt, was vom Ganzen angerichtet wird, im hilflosen Versuch, die Inkommensurabilität kommensurabel zu machen.« Und manchmal, in Zeiten der Krise, verschwören sich die feindlichen Parteien um einen angeblich noch größeren Konspirateur zu vernichten: Der Antisemitismus ist die fürchterlichste und wirksamste Verschwörungstheorie der Menschheitsgeschichte. Das böse Märchen vom Juden, der hinter allem Unheil der Welt steckt, ist von solcher Virulenz, daß es in jeder anderen Konspirationstheorie lauert, sei diese faktisch auch noch so fern von einem antisemitischen Affekt.

Das muß wissen, wer sich mit den Anschlägen vom 11. September beschäftigt und die sehr vielen Risse und Lücken in der offiziellen Darstellung mit der Theorie eines Komplotts zuzuspachteln beginnt. Matthias Bröckers, Autor von Verschwörungen, Verschwör- ungstheorien und die Geheimnisse des 11.9. (Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2002), hat es vielleicht einmal gewußt, aber in seiner dunklen Begeisterung für die eigene Detektivarbeit vergessen. Ihm passiert, was jedem geschieht, der sich an die Entlarvung einer Konspiration begibt, ohne seiner eigenen Verfallenheit an den »Verblendungszusammenhang« innezusein: Er dreht durch.

Bröckers bezweifelt die amtliche Bin-Laden-Verschwörungstheorie, und er hat recht triftige Argumente dagegen: CIA-Visiten bei dem »Top-Terroristen« bis in den Sommer 2001, die dürftigen Ergebnisse der amerikanischen Ermittlungsbehörden seit dem Twin-Tower-Crash, die zahlreichen seriösen, doch unbeachteten Attentatswarnungen zuvor, das ausgeprägte Interesse der US-Ölindustrie an einer sicheren Pipeline von den kasachischen Petroleumfeldern durch Afghanistan und die engen Beziehungen George W Bushs zu dieser Industrie. Doch Bröckers macht den Fehler, aus Bushs schneller Kriegsbegeisterung gleich auf einen Präsidialplan zu schließen. In seiner Theorie sind zuletzt so gut wie alle US-Beamten involviert, und das hieße, deren Loyalität und Verschwiegenheit für größer zu halten als es der dümmste Verschwörer täte.

Wenn Bröckers sich mit der reichlich autonomen, komplett konspirativen Binnenstruktur der CIA näher befaßt hätte, könnte ihm schwanen, daß dort keine Abteilung weiß, was die andere treibt. Drei, vier megalomane Agenten hätten ausgereicht, um mit AI-Qaida etwas auszuhecken. Doch schon eine Etage höher wäre niemand in die Verschwörung eingeweiht gewesen. So funktionieren Komplotte, und nur so. Bröckers jedoch versteigt sich von Seite zu Seite in immer ausgedehntere Konspirationsszenarien. Die reale Verbrechensgeschichte der CIA und der USA dient ihm nicht nur als Beleg für seine Thesen, sondern überdies als Beweis für einen »geostrategischen« Meisterplan, der mit dem »provozierten Überfall« auf Pearl Harbor 1941 begann und erst ein Ende haben wird, wenn der ganze Planet unter der Knute der Yankees ächzt. Bröckers hält sich nur kurz damit auf, verdächtige Indizien zu überprüfen – bald wird ihm alles suspekt. Er dichtet dem blutigen Dilettanten im Weißen Haus und seinen blutrünstigen Spießgesellen eine Perfidie an, die sie natürlich nicht besitzen; sonst müßten sie sich vor keiner Präsidentschaftswahl mehr fürchten.

Und zuletzt landet der Autor dort, wo noch jeder Weltverschwör- ungstheoretiker abgestürzt ist: bei den Juden. Im Kapitel »The Kosher Conspiracy« sagt er Ariel Sharon und seinem Nachrichtendienst Mossad nach, praktisch jeden US-Politiker dank heimlich mitgeschnittener pikanter Telefonate in der Tasche zu haben. Die Antisemiten und Antizionisten haben es doch immer gesagt: Der Jude kontrolliert Kapitol und Weißes Haus. Und wem, bitte schön, haben die Attentate vom 11. September am meisten genützt? »(Es) bleiben nur zwei: die USA und George W. Bush sowie Israel und Ariel Sharon. Nun wäre es wahrlich ein zu kurzer Schluß, diesen beiden schon deswegen eine Mittäterschaft zu unterstellen, weil sie die Hauptprofiteure sind. Aber« nichts anderes legt Bröckers nahe.

Sharon gilt seine gesammelte Empörung, nur bei dem Juden fällt es Bröckers ein, ihn mit jenem Verbrecher zu vergleichen, den Herta Däubler-Gmelin eher in Bush wiedergeboren sah. Um seinen explodierenden Antisemitismus zu bemänteln, nimmt Bröckers kurzerhand eine jüdische Philosophin als Zeugin in Geiselhaft: »Doch eingedenk des Hinweises von Hannah Arendt, daß Hitler letztlich zu einem >Schüler< der von ihm als Propagandainstrument eingesetzten Verschwörungstheorie wurde (Siehe Die >Weisen von Zion< … ), können wir Sharon unterstellen, daß seine Konsequenzen aus Auschwitz darin bestehen, Hitlers rassistischen Verfolgungswahn >mehr oder weniger< unbewußt zu kopieren.«

Es ist, nach solchen Sätzen, völlig unmöglich, irgendeinen Satz in Bröckers‘ spekulativer Schwarte zu diskutieren. Aber deshalb gar nicht über Verschwörungen reden, die konspirative Verfassung der beherrschten Welt nicht wahrhaben wollen, die Möglichkeit von Komplotten rundweg abstreiten? Das wäre so falsch wie die rasende Paranoia all jener, die ausziehen, die »Wahrheit« zu suchen, und am Ende stets nur einen Davidstern finden.